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Accessoires
Eye-Catcher

Lichtschutz für die Augen? Pah! Für eine schicke, neue Sonnenbrille sprechen weit bessere Motive, sagt Alke von Kruszynski.

Menschen finden für alles einen Grund. Mindestens. An Erklärungen, Rechtfertigungen wird niemand jemals ärmer, nicht einmal für den Kauf der 27. Sonnenbrille. Obwohl der heute um einiges ärmer macht als noch vor wenigen Jahren. Denn Sonnenbrillen sind keine rein funktionalen Helfer mehr, sondern in erster Linie Luxusartikel. Jedenfalls die, die uns gefallen.

Mehr Schuhe, mehr Taschen, mehr Sonnenbrillen - in einer Gesellschaft, in der Haben alles ist, ist mehr Haben zwangsläufig besser. Das Business mit modischen Accessoires und Accessoire-Lizenzen boomt: Während die Designer der Luxuslabels neue Looks und Begehrlichkeiten kreieren, übernehmen Spezialisten die Verwertung dieser Fashion-Images an der Konsumfront. Jeder größere und große Name in der Modebranche hat seinem Markenprofil so außer Bekleidung längst Schuhe, Taschen, Uhren, Parfüms oder komplette Kosmetiklinien zugefügt. Besonders Finanzstarke und Ambitionierte laden ihre Marke darüber hinaus mit Hotels, Geschmeide, Einrichtungsbedarf oder maßgefertigten Interieurs von Yachten, Privatjets oder Luxuskarossen auf. Da könnte man auf den Gedanken kommen, der Zuwachs auf dem Sonnenbrillenmarkt sei vernachlässigbar. Doch in Wahrheit macht die Branche mit den Brillen großes Geld: Weltweit wächst ihr Markt um 40 Prozent jährlich.

Kein Wunder, hat die Brille doch neben dem Repräsentieren und dem vernachlässigenswerten Anspruch, Licht zu filtern, eine weitere Funktion hinzubekommen: das Kaschieren. Neue Modelle verbergen mit Rundumverschalungen die Augenpartie und damit das wahre Alter ebenso wie die jeweilige Tagesform. Kaschieren ist inzwischen eine der Top-Daseinsberechtigungen für die Sonnenbrille, um nicht zu sagen ihre Aufgabe. Jeder Schönheitschirurg bittet seine Patienten, zu Gesichtsoperationen eine große, getönte Brille mitzubringen. Außer Lidstraffungsschwellungen verschwinden sogar schon die Spuren von Nasenoperationen hinter dem Sichtschutz. Jedenfalls wenn man eine der äußerst selektiv vertriebenen Brillen von Bernhard Willhelm mit integriertem Nasenschoner besitzt - zu denen nur Kunden der britischen Design-Ikone Linda Farrow Zugang haben.

Frau Farrow führte schon in den 70ern einen Optikerbetrieb der etwas anderen Art. Durch die letzten Dekaden des vergangenen Jahrtausends kauften Londoner und London-Touristen in Farrows Boutique sowohl deren gefeierte Eigenkreationen als auch Modelle extravaganter Designer wie Pucci, Balenciaga oder Sonia Rykiel. Gemeinsam mit ihrem Sohn hauchte sie ihrem Firmennamen 2003 neues Leben ein und betrat die Szene ein weiteres Mal, im Gepäck ihre einzigartige Sammlung von Vintage-Modellen. Dass die Sonnenbrille wurde, was sie ist - modisches Statement und Utensil zur Selbstdarstellung -, geht zu großen Teilen auf ihr Konto.

Bestätigt durch den Erfolg der Vintage-Brillen, kreiert sie neue Kollektionen, die sie während der internationalen Modenschauen zu präsentieren pflegt. Ihr jüngster Wurf sind die Linien "Linda Farrow Lux" und - die Krönung aller Sonnenschutzgestelle - "Linda Farrow Luxe - Fine Jewellery Collection": Die in Zusammenarbeit mit deutschen Juwelieren gefertigten Brillen gehören aufgrund ihrer vielen Saphire, Diamanten und Rubine allerdings eher in einen Hotelsafe als in die Strandtasche.

Der Evolution hin zum Luxusaccessoire zollt seit September 2007 auch die Sonnenbrillenboutique Ilori im New Yorker Distrikt Soho Tribut. Ilori, eine reine Tochter des Weltmarktführers Luxottica, wurde explizit für das Geschäft im obersten Preissegment ins Leben gerufen. Denn dieses weist deutlich stärkere Wachstumszahlen auf als der geringpreisigere Markt. "Besonderer Schatz" bedeutet der Name Ilori in seinem afrikanischen Ursprungsort Nigeria. Mama Luxottica dürfte das gewusst haben. 38 Kollektionen von Derek Lam und Chloé bis Persol und John Varvatos stellt sie auf den 400 Quadratmetern Verkaufsfläche aus. Die Brillen werden in diesem ersten einer Reihe von Ilori-Stores dargereicht wie Devotionalien - ein VIP-Raum für gute Kunden ist selbstredend vorhanden. Die Preise liegen, den geschätzten Designernamen sei Dank, zwischen 250 und über 10.000 $. Angesichts solcher Entwicklungen wird offensichtlich, dass die Sonnenbrille 2008 weit mehr als den Anspruch erfüllt, Licht zu filtern, um Augen zu schützen. Ob sie deswegen gleich in eine höhere Dimension des Seins entführt, wie sie die Flash-Animation der Ilori-Website in Aussicht stellt, darf bezweifelt werden. Sicher ist so viel: Sie wird mehr denn je als Statussymbol getragen.

Das gilt auch für die Modelle kleiner, feiner Shoppingadressen. Im Wonder-Room von Selfridges in London eröffnete David Clulow im vergangenen September eine Brillenboutique, in der beispielsweise ein Gestell von Oliver Peoples zu finden ist, in dessen Goldbettchen 1,5-Karat-Pavé-Diamanten eine standesgemäße Heimstätte gefunden haben. Und in Berlin Mitte existiert schon seit vier Jahren Mykita: Der Optikerbetrieb entwirft handgemachte optische Brillen mit Kultcharakter und Sonnenbrillen von schlichter Eleganz.

Brillen wie die von Mykita heben sich wohltuend vom Rest des Marktes ab. Denn jeder noch so schnelllebigen modischen Inszenierung ist eine Modellvariante gewachsen. Ob Biker-Look (Ray-Ban), großer Bahnhof (Salvatore Ferragamo, Giorgio Armani oder Bottega Veneta) oder Fashion-Intellektuelle (Balenciaga, Prada): Brillen setzen dem Styling das i-Tüpfelchen auf. Sogar Mickymaus scheint in einer - hierzulande vielleicht doch eher unterrepräsentierten - Stilgemeinde den Ton zu treffen. Vielleicht sollte man in der entsprechend gestalteten Kreation mit Mäuseohren von US-Designer Jeremy Scott eine Form von Selbstironie sehen.

Wenn wir schon in der Abteilung Lustig sind: Selbstverständlich bleiben Asien, den früheren Sowjetrepubliken und dem vorderen Orient sowie Palm Springs und Düsseldorf die Modelle der großspurigen Art erhalten. Nach wie vor alles, was ohne Scham und Umweg ins Auge fällt, wird ins und ans Gestell gearbeitet. Ob Swarovski-Kristalle oder Edelsteine, das Angebot von Boucheron über Chanel bis hin zu Spezialanfertigungen (siehe Ilori und Farrow) besitzt eine derartige Strahlkraft, dass sich schon zur Auswahl das Tragen einer Sonnenbrille empfiehlt.

Da freut man sich, wenn man auf Altbewährtes trifft. Womit wir zu Ray-Ban kommen. Die Kultmarke der 80er feierte 2007 ihr 70-jähriges Bestehen und stattete zu den medial begleiteten, weltweiten Feierlichkeiten alle aus, die der eigenen Prominenz zum Trotz noch ausreichend Nasenbein besitzen. Gestell der Wahl war vornehmlich die klassisch gerade geschnittene Ray-Ban Wayfarer, vor die Kameras gehalten von US-Schauspielern wie Kirsten Dunst, "Queen of Cool" Chloë Sevigny oder Magermäuschen Mary-Kate Olsen. Und? Kommen die geraden Gläser zurück? Nein, dafür war die Entwicklung der flachen Form hin zur flächig gebogenen einfach zu sinnvoll. Das beschränkte Blickfeld einer 80er-Jahre-Brille hat außer den Vintage-Verehrern niemand vermisst.

Im Gegenteil: Eine der sinnvollsten Nebenwirkungen der gebogenen Sonnenbrille war die Weiterentwicklung optischer Kunststoffgläser, denen sich nun trotz Biegung ein Fokus einschleifen lässt. Nur so kommen auch echte Brillenschlangen unter die Designer-Sonnenbrille. Und nach ihrem großen Erfolg mit den schmückenden Sonnenbrillen haben die Modemarken nun auch jene Menschen ins Visier genommen, die Brillen aus medizinischen Gründen tatsächlich brauchen. Kassenbrillen? Ein Begriff, der dem Untergang geweiht sein dürfte. Auch Fielmann verkauft heute schließlich eher eine Hugo-Boss-Brille als ein No-Name-Gestell. Wer wollte dafür noch nach Gründen suchen? Link to external page